Die Fichte: Brotbaum oder Problembär?

Die Fichte: Brotbaum oder Problembär?

Der Beitrag als Podcast

Die Fichte

 

Der Fichte nächtlich sanftes Tagbetragen

Belebt Geschickeswürde kühn im Wald.

Kein Zweiglein kann in ihrer Waltung zagen,

Die ganze Nacht gibt ihrem Atem Halt.

 

Es scheint ein Stern an jedem Ast zu hängen.

Des Himmels Steile wurde erst im Baum.

Wie unerklärt sich die Gestirne drängen!

Vor unserm Staunen wächst und grünt der Raum.

 

Ihr himmlisches Geheimnis bringt die Fichte

Den Blumen, unsern Augen fürstlich dar,

Ihr Sein erfüllte sich im Sternenlichte,

Sie weiß bei uns, daß Friede sie gebar.

 

Was soll der Weltenwind im Samtgeäste?

Die Fichte weicht zurück und spendet Rast.

Ein Baum, der alle Sterne an sich preßte,

Bleibt groß und segnet uns als guter Gast.


Theodor Däubler, 1916

Mit diesem Gedicht preist Theodor Däubler 1916 die Fichte. „Himmlische Geheimnisse“ weist die Fichte vielleicht weniger vor, dennoch gibt es einiges zu berichten rund um den beliebten und seit Jahren leider auch geplagten Nadelbaum. Für die einen ist die Fichte der Brotbaum schlechthin, für die anderen eher ein „Problembär“ in Zeiten des Klimawandels.

Fichtenland

Die Fichte, genauer die Rotfichte (lateinisch „picea abies“) ist die häufigste Baumart in Deutschland. Deutschlandweit wird rein rechnerisch eine Fläche von 2,76 Mio. Hektar von der Fichte bewachsen, das sind etwas über 25% der deutschen Waldfläche. In Bayern sind es nach Daten der „Dritten Bundeswaldinventur“ sogar fast 42% der Waldfläche (erhoben wurden nur die Bäume im Hauptbestand erhoben, also die Bäume auf denen das wirtschaftliche Hauptgewicht liegt).

Besonders stark ist die Fichte im Privatwald vertreten, was u.a. damit zusammenhängt, dass die Fichte vielerorts besonders als „Brotbaum“ geschätzt wird. Warum Brotbaum? „Brotbaum“, das hat mit dem Wuchsverhalten der Fichte zu tun: Im Vergleich zu anderen Baumarten legt die Fichte beim Wachsen den Turboantrieb ein: Auf guten Standorten braucht die Fichte nur etwa +/- 90 Jahre, bis sie geerntet werden kann. Holzernte heißt, der Baum wird um geschnitten und sein Holz wird verwertet. Die Zeitdauer vom Keimling zum erntereifen Baum nennt man in der Forstwirtschaft die „Umtriebszeit“. Bei der Eiche beträgt die Umtriebszeit (je nach Wuchsbedingungen) etwa 180 – 200 Jahre, bei der Buche 120 – 140 Jahre und bei der Fichte „nur“ 80 – 100 Jahre. Wer heute eine Fichte pflanzt, dessen Enkelkinder können den Baum bereits ernten und das Holz nutzen. Die älteste Fichte der Welt steht übrigens in der Provinz Dalarna in Schweden und ist stolze 9.550 Jahre alt. Das Alter wurde mittels Radiokarbon-Datierung (carbon-14) ermittelt.

Ein Blick in die deutsche Vergangenheit: Nach dem 2. Weltkrieg wurden große Menge Holz benötigt, um Deutschland wieder aufzubauen. Außerdem brauchte die Bevölkerung dringend Brennholz für den kalten Hunger-Winter 1946/1947. Besonders rings um die großen Städte wurden ganze Wälder kahl geschlagen. Zudem mussten riesige Summen an Reparationszahlungen an die Siegermächte gezahlt werden. Dieser Schadensersatz wurde zum einen mit Geld, zum anderen mit Rohstoffen und anderen Naturalien abgeglichen. Vor diesem Hintergrund wurden so genannte Reparationshiebe durchgeführt. Das Holz wurde beispielsweise nach Großbritannien verschifft, um auch dort die Ortschaften wieder aufzubauen. Die kahl geschlagenen Flächen wurden zu großen Teilen mit der Fichte aufgeforstet. Zum einen, da das Saatgut günstig und verfügbar war, zum anderen, da die Fichte schnell wächst.

Fichtenkeimlinge aus Naturverjüngung

Gerade, praktisch, gut

Gerade weil die Fichte verhältnismäßig schnell und sehr gerade wächst, ist die Fichte bis heute ein beliebter Wirtschaftsbaum. So lässt sie sich relativ einfach ernten und verarbeiten:

Die Äste der Fichte wachsen quirlig um den Hauptstamm herum, so dass sich von der Baumspitze bis zu den untersten Zweigen eine kegelförmige Baumkrone bildet. Je nachdem, wie viel Licht der Baum bekommt, reicht diese Krone bei freistehenden Fichten bis fast zum Boden, oder wird im dichten Waldbestand nur weiter oben sichtbar, dort wo die Nadeln genügend Licht bekommen. Je dichter die Fichten stehen, desto weniger Licht bekommen sie, desto kleiner fallen die Baumkronen aus. Von unten her sterben die Zweige ab, die vorwiegend im Schatten stehen, die Stämme im Wald wirken deshalb oft auf weiten Abschnitten astfrei. Im Holz selbst sieht man, wo früher einmal Äste waren, denn dort findet man im Holz die sogenannten „Holz-Augen“. Solche geraden Fichtenstämme mit gleichmäßigen Kronen lassen sich bei der Holzernte vergleichsweise unproblematisch ernten. Nach dem Fällen werden die Zweige entlang des geraden Hauptstamms mit der Motorsäge abgeschnitten, es wird entastet. Der Harvester, die Holz-Vollerntemaschine, erledigt das Ernte und Entasten noch schneller: Der Harvester umfasst den Baum mit seinem Greifkopf und schneidet ihn sicher um. Danach wird der Baum durch den Greifer gezogen und entastet.

Die Fichte: Brotbaum und wichtiges Holz

Danach kommt der gerade Stamm mit seinen 40/45cm Durchmesser (auf guten, stabilen Standorten, je nach Qualität des Stamms) ins Sägewerk. In der Sägestraße wird der Stamm dann – je nach Qualität – in Bretter, Balken oder ähnliches zerschnitten. Die Fichte passt also sehr gut in unsere industrialisierten, Maschinen-optimierten Abläufe, oder umgekehrt: Die Abläufe sind in Deutschland oft auf die Fichte maßgeschneidert. Die Fichte macht es uns vergleichsweise „leicht“: Auf der einen Seite wächst in kurzer Zeit ein schöner, gerader Baum. Auf der anderen Seite kommen ebenmäßige, genormte Holzprodukte nach Millimetermaß heraus.

Baumheld mit Hindernissen

Das alles macht die Fichte zum perfekten Brotbaum – oder eben nicht so ganz perfekten. Diese Einschränkung erklärt sich bei Betrachtung des natürlichen Wuchsgebietes der Fichte: Natürlicherweise kommt die Fichte vor allem dort vor, wo es kälter ist, beispielsweise auf einer Höhe von ca. 1500 – 2500 Metern ü NN. Die Mittelgebirgslagen sind somit eine natürliche Heimat der Fichte: wie z.B. der Bayerischer Wald, der Schwarzwald, das Erzgebirge oder die Alpen. Geografisch gesehen kommt die Fichte in natürlichen Beständen weiter nördlich vor, etwa in der Tundra oder in Skandinavien. Dort, wo die Fichte natürlicherweise vorkommt, übersteht sie fast alles. Auch der Borkenkäfer ist dann kaum ein Problem

Auch in den niedrigeren Lagen Deutschlands existieren viele Standorte, die für die Fichte gut passen und auf denen sie gesund und stabil wächst. Problematisch wird es für die Fichte, wenn sie auf ungeeigneten Standorten angebaut wird, oder wenn sich die Standortbedingungen zu Lasten der Fichte ändern. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich für die Fichte vieles geändert: Hatte die Fichte in den 80 Jahren stellenweise noch mit dem sauren Regen und Luftverschmutzung zu kämpfen, sind es heute er Klimawandel und seine Folgen: Es wird wärmer, es wird trockener.

Die Fichte ist ein sogenannter Flachwurzler, d.h. das Wurzelwerk der Fichte reicht bei den meisten Böden nur wenige Dezimeter tief, teilweise unter einem Meter. Die Fichte bildet zwar je älter sie ist auch Senkwurzeln, die tiefer ins Erdreich gehen (verstärkt ab einem Alter von 60 Jahren), bleibt im Großen und Ganzen jedoch nah unter der Erdoberfläche. Das hat jetzt zwei Nachteile: Zum einen macht der fehlende Bodenanker die Fichte anfälliger bei Sturm. Im Vergleich zu Eichen, deren Wurzeln sich tief unten im Erdreich festkrallen, werden Fichten leichter von Sturm entwurzelt und gefällt. Die Bilder von niedergewehten Fichtenwäldern gingen etwa nach Winterstürmen wie Kyrill, Lothar oder 1990 die Orkane Vivian und Wiebke durch die Medien.

Je feuchter ein Boden, desto flacher werden die Wurzeln der Fichte. Dieses Verhalten hat durchaus seine Vorteile, z.B. schafft es die Fichte so auch in Moorgebieten zu überleben ohne zu „ertrinken“. In Zeiten des Klimawandels werden die flachen Wurzeln eher zum Problem: Zwar kommt die Fichte dank ihres breiten, flachen Wurzeltellers gut an Nährstoffe, doch je trockener es wird, desto erreichen ihre Wurzeln benötigtes Wasser. Während sich die Kiefer mit ihrer tief nach unten reichenden Pfahl- oder Herzwurzel dann noch holen kann, was sie braucht, leidet die Fichte Durst und wird sozusagen immer schwächer. In der Folge werden Fichtenbestände leichter anfällig für Schädlingsbefall wie durch den Borkenkäfer. Der Borkenkäfer ist ein kleiner brauner Käfer, der seine Eier unter der Rinde der Fichten ablegt. Die geschlüpften Larven fressen unter der Rinde, bis sie sich verpuppen und später die erwachsenen Käfer schlüpfen. Wenn sie sich unter der Rinde durchfressen, kappen sie gleichzeitig die Wasserzufuhr des Baumes, der Baum verdurstet regelrecht und verliert seine Nadeln.

Abgefressen: Fichte nach Borkenkäferbefall

In manchen Jahren vernichten Borkenkäfer, wenn sie bei günstiger Witterung in Massen auftreten, ganze Wälder – auch gesunde Bäume können sich dann dem Massenansturm kaum noch zur Wehr setzen. Eigentlich hätte die Fichte mit ihrem Harz eine sehr gute Verteidigungsstrategie, doch um Harz erzeugen zu können, braucht der Baum Wasser: kein Wasser – kein Harz.

Kaugummi und andere Leckerein

Apropos Harz: Das Harz der Fichten wurde früher als Rohstoff für Lacke verwendet, Eichenfässer wurden mit Pech aus Fichtenharz ausgestrichen und somit abgedichtet. Auch als Pflaster wurde das Harz verwendet sowie als natürlicher Klebstoff. Apropos klebrig: Lust auf einen Kaugummi? Relativ hartes, eher rötliches Fichtenharz, können sie das als Fichtenkaugummi kauen. Das Harz soll desinfizierend wirken und die Zähne reinigen (aber Vorsicht: sehr klebrig!).

Ein süßeres Geschmackserlebnis versprechen Vanillekipferl. Was das mit der Fichte zu tun hat? Das Vanillin, das wir zum Backen und zum Verfeinern von Nachspeisen nutzen, wird teilweise aus Fichtenholz gewonnen. Echte Vanille ist und war besonders früher sehr teuer. Im Jahr 1874 fanden der deutsche Apotheker Ferdinand Tiemann und der Chemiker Wilhelm Haarmann eine kostengünstigere Lösung: Aus dem Saft von jungen Fichten gewannen sie mittels chemischer Prozesse „Vanillin“. Auch heute noch gibt es den Weg Vanillin aus Fichtensaft zu generieren oder sehr viel häufiger, das Lignin aus dem Holz der Fichte dafür zu nutzen. Für 1 kg Vanillin werden etwa 30kg Fichtenholz benötigt. Noch billiger erzeugt man das Vanille-Aroma inzwischen aus Bakterien oder der Synthese aus Nelkenöl und so ist Vanillin heute seltener aus der Fichte, sondern meistens voll-synthetischen Ursprungs.

Maitrieb der Fichte

Süß und lecker und sehr gesund ist Fichtenspitzenhonig. Dafür zupft man im Frühling die Maitriebe der Fichten und lässt 100g Fichtenspitzen mit 400 ml Wasser, etwas Zitronensaft und 500g Zucker, am besten Vollrohrzucker einen Tag lang ziehen. Danach wird das Ganze solange eingekocht, bis die Flüssigkeit honigartig ist. Fichtenspitzenhonig soll Halskratzen beruhigen und hilft als natürlicher Hustensirup. Klingt gut? Schmeckt gut!

Klingendes Holz und Aberglaube

Klingt gut, das ist das musikalische Stichwort zur Fichte. Die Fichte klingt gut –das Holz der Fichte klingt, wenn es zur Geige oder zum Chello veredelt wurde. Dazu brauchen Geigenbauer Fichtenholz mit gleichmäßigen, engen Jahrringen. Bei einer Geige dürfen die Jahrringe maximal 2 Millimeter breit sein, damit das Holz gleichzeitig so elastisch und stabil ist, dass es die Schwingungen der Geigensaiten als Resonanzkörper an die Luft und damit an unsere Ohren abgeben kann. Fichtenbäume mit solchen feinen Jahrringen findet man besonders im Gebirgswald, wo die Fichten durch die kühle Witterung und nährstoffarme Böden langsam wachsen. Nicht ohne Grund liegt Mittenwald, einer der berühmten Geigenbauer-Orte, in den Alpen, dort wo genau solche Fichten wachsen.

Bleiben wir beim Holz der Fichte. Fichtenholz ist natürlich ein hervorragendes Bau- und Konstruktionsholz, beispielsweise beim Häuserbau kaum wegzudenken. Besonders für den Innenausbau wird Fichte gerne genommen. Zwar kann man Fichtenholz auch als Scheitholz, Hackschnitzel oder Holzpellets energetisch nutzen, also verbrennen –meistens ist das Holz jedoch viel zu schade dafür. Schauen Sie sich mal den Dachstuhl daheim an, der ist höchstwahrscheinlich aus Fichtenholz.

Apropos Dachstuhl: Traditionell werden beim Richtfest eine junge Birke oder eben eine Fichte oder ein Fichtenkranz auf dem Dachspitz befestigt. Die immergrüne Fichte symbolisiert das Leben und soll Glück und Segen über das Haus und seine Bewohner bringen. Eine ähnliche Bedeutung haben auch die Fichte als Maibaum oder – zwar etwas weniger beliebt als die Tanne – als Christbaum. Bereits die Germanen verehrten die Fichte als Lebensbaum und auch bei den Kelten wurde er als Symbol des Lebens und des Todes angesehen. Die Griechen verbanden die Fichte mit dem Meeresgott Poseidon: Ein Grund hierfür mag die Verwendung der Fichtenstämme für den Schiffsbau sein.

Nachhaltig

Bei uns in Deutschland wurde die Fichte besonders wichtig im Bergbau. Sowohl für den Abbau von Kohle und Erz, als auch Silber, Gold oder Kupfer wurde das Holz von Eiche, Buche, Tanne oder Fichte benötigt. Das Fichtenholz stützte die Tunnel und Gänge der Gruben ab oder wurde in Schmelzhütten verfeuert. Bei der Salzgewinnung benötigte man Holz als Brennholz für die Salinen oder für die Salinenleitungen. Nach und nach wurden ganze Fichtenwälder verfeuert oder verbaut, so etwa auch im Erzgebirge. Aus dieser Situation heraus schuf im Jahr 1713 der Oberberghauptmann des Erzgebirges Hans-Carl von Carlowitz ein besonderes Werk, die „Sylvicultura oeconomica“, die „haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht“. Hans- Carl von Carlowitz war der erste, der in einem umfassenden Lehrbuch niederschrieb, dass und wie man Wälder so bewirtschaften solle, dass auch für kommende Generationen der Rohstoffnachschub gesichert sei („continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung“). Somit gilt von Carlowitz als der Vordenker, als der Erfinder des Prinzips der Nachhaltigkeit.

Die Fichte ist aus Deutschland nicht wegzudenken. Im Zuge des Wandels der Wälder weg von Reinbeständen hin zu gemischten Wäldern aus Laub- und Nadelbäumen (Stichwort „Waldumbau“) wird wie Fichte ihren Platz in den Wäldern und als forstwirtschaftliche wichtige Baumart sicherlich behalten, jedoch teilweise neu definiert. Auch in Zukunft werden Waldbesucher und Waldbesitzer auf dem Waldboden „Tannenzapfen“ finden – die ja eigentlich allesamt Fichtenzapfen sind.

Quellen